Vegan ! Vegan ?

Giacomo_S

Ehrenmitglied
Mitglied seit
13. August 2003
Beiträge
2.804
Ein_Liberaler schrieb:
Wenn ich mich recht entsinne, hat man selbst auf Burgen des niederen Adels nur sehr wenige Hinweise auf den Verzehr von Wild gefunden.

Aufgrund von Analysen mittelalterlicher Müllgruben von Fürstenhöfen: Wildanteil am Fleischanteil: kaum 5 %.
 

streicher

Ehrenmitglied
Mitglied seit
15. April 2002
Beiträge
4.788
Ein_Liberaler schrieb:
Das mit den reichlich vorhandenen Urwäldern stimmt so ganz nicht. Deutschland war im 13. Jahrhundert weitgehend entwaldet. (...)
Die Obrigkeit erließ allerlei Vorschriften, um Holz zu sparen.
Interessant: zwar wurde Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausdrücklich formuliert. Neu war mir: Regional wurde es jedoch schon im 15. Jahrhundert praktiziert, also tatsächlich am Ende des Mittelalters wurde regional eine Art nachhaltige Forstwirtschaft eingeführt. Das ging einher mit diesen Forstordnungen der Obrigkeit, die du schon angedeutet hast, wie sie zum Beispiel von dem Bistum Speyer (1442) vorliegt, in dem die Idee der Nachhaltigkeit zum Ausdruck kommt...

Ich denke, es wird Badeprogramme in jeder Preisklasse gegeben haben, mit und ohne Menu, mit und ohne Aderlaß, in den großen Reichsstädten aufwendiger als in den kleinen Landstädten...
Wohl wahr. Nicht jeder wird in die Wanne oder das Becken gestiegen sein. Verbreitet war damals auch das Schwitzbad, welches die billigere Variante darstellte.
 

Giacomo_S

Ehrenmitglied
Mitglied seit
13. August 2003
Beiträge
2.804
Oder da gab es andere Vorteile ...
Angeblich gibt es da dieses Zitat aus dem Mittelalter: "Gestern mit der Familie im Badehaus gewesen. Jetzt sind Frau, Tochter und Hund schwanger." :grin:
 

streicher

Ehrenmitglied
Mitglied seit
15. April 2002
Beiträge
4.788
Es war nicht nur die Reinlichkeitspflege, die die Besucher ins Bad lockten, sondern (zunehmend) auch angestellte Mägde für die Reinheitspflege. Schnell entstand daraus auch ein anderes Angebot.
Auch Musik und Spiel fand im Badehaus seinen Platz.

__________________
Neuerdings gelesen: in Israel gibt es ca. 5% Veganer. Damit wäre dort wohl der Bevökerungsanteil der Veganer der höchste auf der Welt.

__________________
Und noch was: vegetarische Fleischersatzprodukte sind zum großen Teil grottig.
Der Markt für fleischfreie Schnitzel, Burger und Co. boomt. Die Qualität ist jedoch dürftig, wie unser Test zeigt. So enthalten etliche Produkte hohe Mineralölrückstände und zu viel Salz. Letztlich können wir nur ein Produkt wirklich empfehlen.
vegetarische/Vegane Fleischersatzprodukte
Auch nicht ohne
Und verpackt in weichem Plastik sind die Produkte zuhauf auch. Der Gipfel bei einem Produkt: Mineralölrückstände...
 

Giacomo_S

Ehrenmitglied
Mitglied seit
13. August 2003
Beiträge
2.804
streicher schrieb:
Neuerdings gelesen: in Israel gibt es ca. 5% Veganer. Damit wäre dort wohl der Bevökerungsanteil der Veganer der höchste auf der Welt.

Stimmt, in Israel gibt es viele Veganer.
Allerdings sollen die entspannter sein als ihre Kollegen hier. In den veganen Lokalen rauchen sie wie die Schlote, und außerdem haben sie wohl auch nicht so ein Luxus-Verweigerungssyndrom wie die Leute hier.
Die vegane Szene kultiviert es offenbar und versucht mehr, aus der Not nicht nur eine Tugend, sondern eine Kunst zu machen.

Ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass der vegane Trend in Israel sich aus anderen Wurzeln zusammensetzt als hier. In einem Land, welches ohnehin traditionell bereits alle möglichen Nahrungseinschränkungen eine Rolle spielen, könnte sich vegan als ein Kompromiß mit größtmöglichem Nenner erweisen.
 

streicher

Ehrenmitglied
Mitglied seit
15. April 2002
Beiträge
4.788
Giacomo_S schrieb:
Stimmt, in Israel gibt es viele Veganer.
Allerdings sollen die entspannter sein als ihre Kollegen hier. In den veganen Lokalen rauchen sie wie die Schlote, und außerdem haben sie wohl auch nicht so ein Luxus-Verweigerungssyndrom wie die Leute hier.
Die vegane Szene kultiviert es offenbar und versucht mehr, aus der Not nicht nur eine Tugend, sondern eine Kunst zu machen.

Ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass der vegane Trend in Israel sich aus anderen Wurzeln zusammensetzt als hier. In einem Land, welches ohnehin traditionell bereits alle möglichen Nahrungseinschränkungen eine Rolle spielen, könnte sich vegan als ein Kompromiß mit größtmöglichem Nenner erweisen.
Judentum: Man muss sich keine Gedanken mehr darüber machen, welches Tier rein und welches Tier unrein ist, kurz: es erleichtert die koschere Lebensweise. Für die Christen ist es eine simple Formel für die Fastenzeit. Und auch die Muslime könnten auf die Idee kommen, Fleisch zu fasten bzw. eine einfache Formel für eine reine Lebensweise zu finden. Bahai: ich habe mal gelesen, dass bei den Bahai die vegetarische Lebensweise empfohlen wird und in Zukunft die vollständige Umstellung auf Vegetarismus erwartet wird.

An Aktivisten mit Missionseifer fehlt es wohl auch in Israel nicht. Die Gründe sind verschieden, das Leiden der Tiere dürfte insbesondere bei Aktivisten dann sicher als Begründung nicht fehlen. Schlachtungsvideos gibt es auf Youtube und hat schon einigen Leuten zu einer neuen Sicht der Dinge verholfen.
 

streicher

Ehrenmitglied
Mitglied seit
15. April 2002
Beiträge
4.788
Ganz aktuell fordert eine italienische Abgeordnete der Forza Italia eine Inhaftierung von Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren. Die italienische Gesellschaft für Ernährungswissenschaften sieht jedoch im Fett- und Zuckerkonsum ein viel größeres Problem. Jedenfalls muss den Kindern Vitamin B12 supplementiert werden. Eine vegatarische Lösung gestaltet sich einfacher. Italienische Politikerin fordert Bestrafung, wenn Kindern "Ernährungsideologien aufgedrängt werden"

Das Thema ist seit Jahren umstritten, liest man auch hier:
Groß werden ohne Fleisch.

Dazu aus dem Stern-Artikel:
Die Ernährungsexpertin Dagmar von Cramm rät von einer veganen Ernährung im Säuglingsalter ab: "Wer vegan lebt, muss sehr gut informiert sein und wissen, was wo drin ist. Außerdem müssen Veganer Vitamin-B-12 supplementieren. Das kommt so in pflanzlicher Kost nicht vor. Schwangeren und Stillenden, Säuglingen und Kleinkindern, Kranken und Gebrechlichen würde ich von einer veganen Ernährung abraten. Es sei denn, man lässt regelmäßig die Blutwerte untersuchen. Diesen Zielgruppen würde ich eher eine vegetarische Ernährung empfehlen."
 

Giacomo_S

Ehrenmitglied
Mitglied seit
13. August 2003
Beiträge
2.804
Aus der FAZ am Sonntag vom 11.09.16, "Hungerwahn" von Inge Kloepfer und Bettina Weiguny - ein Artikel über Magersucht, interessanterweise im Wirtschaftsteil:

"Als besonders gefährlich stufen Wissenschaftler und Ärzte den ganzen Hokuspokus ein, der ums vermeintlich gesunde Essen veranstaltet wird: vegane Kost, glutenfreies Essen, Laktoseintoleranz, Low-Carb-Ernährung - auf was Menschen alles kommen in ihrem Misstrauen gegen die traditionellen Lebensmittel. Statt Milch, Brot, Eier und Fleisch zu essen, greifen sie zu chemisch hergestellten Ersatzprodukten, in der Meinung, sich damit etwas Gutes zu tun. Den erhofften Nutzen zweifeln die Fachleute allerdings an - zumindest bei all denen, die nicht an einer Intoleranz oder Lebensmittelallergie leiden. Was kann an hochindustriell verarbeiteten Lebensmitteln gesund sein, die aus Farbstoffen, Emulgatoren, Säureregulatoren, Geschmacksverstärkern und Verdickungsmitteln zusammengepanscht werden? Chefarzt Imgart kann da nur den Kopf schütteln. "Das ist Chemie pur."
Noch vor ein paar Jahren war der Aufschrei groß, als herauskam, dass für Pizza nur billiger "Analogkäse" verwendet wurde. Heute feiert dieses chemische Produkt als "veganer Käse" ein furioses Comeback - und das auch noch zu einem horrenden Luxusaufpreis. "Hinter veganem Essen steht eine abstruse Ideologie", sagt Klinikchef Imgart. "Mangelernährung wird als gesund verkauft."
Die vegane Modewelle greift wie ein Krake um sich, besonders unter jungen Menschen. "Das ist mittlerweile eine Jugendbewegung", sagt Irmgart. Leider, wie er findet. Denn vegane Ernährung und Essstörung - das liegt häufig nicht weit auseinander. Sein bayerischer Kollege Voderholzer macht die gleichen Erfahrungen. Nicht selten liege das vegane Essen im Vorfeld der Essstörung.
Denn wer vegan isst, beschäftigt sich zwangsweise übermäßig mit seiner Ernährung, um herauszufinden, was er überhaupt noch essen darf. Die Ernährung wird immer einseitiger, auf immer weniger Nahrungsmittel beschränkt. Das Vegan-Essen kann zum Zwang werden; und Magersucht hat viel mit Zwängen zu tun. Und mit Verboten, die man sich selbst auferlegt: "Wir haben das äußere Korsett, das Frauen früher tragen mussten, durch ein inneres ersetzt", meint Irmgart dazu.
Eine große Rolle spielt das Gefühl der Kontrolle. Wer die Kalorienzufuhr kontrollieren kann, der bekommt auch sonst sein Leben in den Griff. Wer vegan isst, der hat es leicht beim Kalorienzählen - bei Gemüse addiert sich nicht viel zusammen. "Das vegane Essen kann auch die Funktion haben, in einer komplexen Welt eine Orientierung zu bieten", sagt Voderholzer. "Für manche ist es Ausdruck eines Lebensstils und kann als Ersatzreligion angesehen werden."
Viele Veganer haben das Gefühl, sie tun sich und der Welt etwas Gutes. Gerne teilen sie dies auch ihrer Umgebung mit. "Wir Gutesser, ihr Schlechtesser", beschreibt sein Kollege Irmgart in Hessen diesen Irrsinn. "Dahinter können wunderbar ihre Essstörung kaschieren."
In der Regel wollen die Erkrankten nicht entdeckt werden. Sie verschließen ihre Augen vor der Krankheit, verwischen ihre Spuren, lügen Freunde und Familie an und am nachhaltigsten sich selbst. Wenn sie nun sagen, dass sie die Pizza nur deshalb stehen lassen, weil sie vegan leben, sind sie aus dem Schneider. Da fragt niemand nach, da ernten sie sogar noch Anerkennung. "Ach, Veganerin wäre ich auch gerne." Und die Mütter machen oft sogar noch mit."
 

Giacomo_S

Ehrenmitglied
Mitglied seit
13. August 2003
Beiträge
2.804
Bereits im Vorfeld machten die Betreiber David Roth und Jakob Haupt viel Werbe- und Medienrummel um ihren im April 2016 eröffneten veganen Imbiss "Dandy Diner" in Berlin am Hermannplatz. Tatsächlich gelang den beiden ein spektakulärer Coup:

Es liefen derart viele Menschen zusammen, dass die Polizei die Umgebung absperren und die Veranstaltung vorzeitig beendet werden musste.

Sonderlich genützt hat ihnen die spontane Popularität allerdings wohl nicht. Denn bereits nach nur einem halben Jahr schließen sie ihren veganen Imbiss wieder:

Veganer Imbiss Dandy Diner in Neukölln macht dicht

Offenbar ist das vegane Konzept nicht so gut aufgegangen, wie es der Anfangserfolg erwarten lies.
Ein veganes Angebot hat anscheinend nicht die Nachfrage, wie die Präsenz des Themas im Internet und in den Medien uns glauben macht. Mediale Präsenz und kurzfristige Anfangserfolge münden nicht in ein solide funktionierendes Geschäftsmodell, wenn der Kunde sich im Verhältnis aus Preis, Qualität und Location auf Dauer nicht angemessen bedient sieht.

Fazit:
Wer hoch fliegt, kann auch tief fallen. Show allein reicht nicht, das zeigt das Beispiel Dandy Diner. Möchte nicht schadenfroh sein, irgendwie aber auch beruhigend.
 

streicher

Ehrenmitglied
Mitglied seit
15. April 2002
Beiträge
4.788
Die SZ hat mal wieder Artikel über das Thema "Nachhaltigkeit" veröffentlicht. Der soll mal nicht unvergessen bleiben. Daraus zitiert:
Fleisch ist schließlich eine der größten Umweltsünden überhaupt: Die Massentierhaltung ist für 15 Prozent aller Klimagasemissionen verantwortlich. Das ist mehr als alle Flugzeuge, Autos und Züge zusammen verursachen. Zudem gehen 70 Prozent des weltweiten Frischwasserverbrauchs für die Fleischproduktion drauf. Fleisch ist also: böse, böse, böse. Manche halten es sogar für schädlicher als Plastik.

Als ich mit Yvonne Zwick vom Nachhaltigkeitsrat für diesen Artikel über Lebensmittelverpackungen gesprochen habe, riet sie mir: "Essen Sie lieber ein Schnitzel weniger, anstatt Plastikfolien zu zählen."
Muss ich jetzt Veganerin werden?
Die Autorin findet für sich selbst derzeit die Antwort: muss sie nicht. Jedenfalls stellt sie fest, dass hinsichtlich des Essens eine geradlinige Argumentation überhaupt nicht möglich ist. Zum Beispiel geschieht die Sojaproduktion in Monokulturen en masse. Und die Avocado braucht auch viel Frischwasser, und sie legt lange Wege zurück. Man könne auf vieles achten, um seinen Konsum nachhaltiger auszurichten, nur: ihrer Meinung nach sollte man das auch tun. Sie isst übrigens ab und zu auch Fleisch. Nicht zuletzt ist der Geschmack ein vielleicht entscheidender Faktor, der für oder gegen Fleisch ausschlagen kann.

Das bringt mich zum nächsten Punkt, den wir hier auch schon hatten. Der Agrarminister Schmidt will verbieten, das vegetarische Lebensmittel mit Namen für Fleischprodukte bezeichnet werden. Und: hat er recht? Aus der veganen Ecke schlägt ihm wohl Empörung entgegen, aus den Medien vernimmt man Spott. Weiter hier: Kein Fleisch für Vegetarier!
Agrarminister rückt Veggie-Wurst auf die Pelle
 

Ein_Liberaler

Forenlegende
Mitglied seit
14. September 2003
Beiträge
9.777
Man hätte den Analogkäse Veggiekäse nennen sollen, dann hätte es keinen Skandal gegeben... Vegan scheint automatisch gut zu sein und sich für nichts, auch für keinen Betrug und keine Warenunterschiebung (Danke, Giacomo!) rechtfertigen zu müssen. Da macht die hippe Großstadtelite, die uns die Zeitungen schreibt und die Nachrichten spricht, doch lieber den Minister zum Hampelamann.

"Sie isst übrigens ab und zu auch Fleisch."

Aber sicher ganz bewußt und sehr achtsam. Eine Heldentat. Ich glaube, die Menschen, die ab und zu auch eine kleine Menge Fleisch sehr bewußt genießen, sind noch heiliger als Vegetarier.
 

Giacomo_S

Ehrenmitglied
Mitglied seit
13. August 2003
Beiträge
2.804
Ein_Liberaler schrieb:
Man hätte den Analogkäse Veggiekäse nennen sollen, dann hätte es keinen Skandal gegeben...

Analogkäse ist doch eh ein alter Hut, den gab's ja schon vor der veganen Welle. Im Gastro-Großhandel wurde der dann als "Pizza-Mix" o.ä. gehandelt, wobei ich persönlich außer einer Material-Probe (um vegane Pizzen zu erproben) noch nie mit diesem Material zu tun hatte.
Wozu auch? Der Materialeinsatz bei der Pizza ist ohnehin überschaubar und die Erstellungskosten ergeben sich aus anderen Quellen (Energie!). Eine Pizza ist eine einfache Speise; an deren simplen Zutaten auch noch sparen zu wollen, ist kontraproduktiv und ökonomisch wenig sinnvoll (die Ersparnis ist marginal). Das gilt auch für Formfleisch (= Kochschinkenimitat aus anderen Teilen des Schweins).

Als "Käse" darf das Imitat seit März 2016 sowieso nicht mehr bezeichnet werden, in welcher Form auch immer.
Auch "Mayonnaise ohne Ei" gibt es im Gastro-Großhandel schon lange, wenngleich sie sich im Einzelhandel nicht hat durchsetzen können. Die wird dann als "Pommes frites Sauce" gehandelt.

Aber eben nicht als Mayonnaise. Das darf sie in Europa nicht, hier muss eine Mayonnaise einen Mindest-Eigelbgehalt von 5% enthalten und einen Mindestfettgehalt von 70%. Für eine "Delikatess"-Mayonnaise gelten noch höhere Qualitätsanforderungen.

Die Amerikaner sind in Fragen von Produktkennzeichnungen oft weniger streng. Das amerikanische StartUp-Unternehmen Hampton Creek brachte im Jahr 2013 eine "vegane Mayonnaise" mit dem Namen Just Mayo auf den Markt, Mitbewerber Unilever strengte dagegen eine Klage an. Als die FDA sich bereit erklärte, den Produktnamen Just Mayo zu akzeptieren, wenn die Kennzeichnung "egg-free" auf dem Produkt größer angebracht würde, zog Unilever die Klage zurück.

Ein_Liberaler schrieb:
Vegan scheint automatisch gut zu sein und sich für nichts, auch für keinen Betrug und keine Warenunterschiebung (Danke, Giacomo!) rechtfertigen zu müssen.

Es ist wie so oft bei Menschen und Gruppen, die sich moralethisch anderen überlegen glauben: Man ist dann der Meinung, die Gesetze gelten nicht für sie. Zum Teil deshalb, weil sie "Teil des Systems" seien, oder "konstruiert", um diesem zu dienen. Bei wirreren Zeitgenossen kommen noch die üblichen VTs hinzu, da ist dann ein jeder gleich "ein bezahlter Agent der CMA", wer anders denkt als sie selbst.

Tatsächlich sind u.U. vegane Produkte durch unsere Vorschriften "benachteiligt", resp. sie werden, was für ein Produkt meistens nachteilig ist, erklärungsbedürftig.
Um beim Beispiel zu bleiben:
Ein Mayonnaise ist eine stabile Emulsion, die durch den Emulgator Lezithin möglich wird. Das Eigelb enthält natürlicherweise Lezithin; es gibt auch pflanzliches Lezithin, z.B. Sojalezithin. Das muss man allerdings deklarieren, und für den Durchschnittsverbraucher sieht ein Label
... , Eigelb, ... einfach ansprechender aus, als eines, auf dem
... Enthält: Sojalezithin ... zu lesen ist.

Der Anteil von Veganern an der Bevölkerung ist gering und liegt nach Umfragen bei 0,1-1% der Bevölkerung, wobei eher die kleiner Quote anzunehmen ist. Ein veganes Produkt kann nur dann Erfolg haben, wenn es den Ansprüchen an das Preis-/Leistungsverhältnis auch der breiten Masse genügt. Ein Lebensmittel ist ein Lebensmittel, mit Gesundheitsversprechen darf es nicht beworben werden.
Der beobachtete Trend zu veggie/veganen Produkten ist bereits wieder rückläufig. Es hat ein paar Anfangserfolge gegeben, aber die Produkte verschwinden bereits wieder aus den Supermarktregalen. "Das schmeckt nicht nach ihm und nicht nach ihr" habe ich eine Supermarktverkäuferin mal sagen hören: Die Qualität nicht befriedigend, zu viele Zusatzstoffe, zu hoch prozessiert, zu teuer: Warum sollte der Durchschnittskonsument das wieder kaufen? Das postulierte "Tierleid" ist im egal, er hat keine ethischen Gewissensbisse beim Lebensmitteleinkauf.
Sie werden wieder das werden, was sie vorher auch schon waren: Nischenprodukte für Bioläden, Reformhäuser und den Internethandel.

Ein_Liberaler schrieb:
]Da macht die hippe Großstadtelite, die uns die Zeitungen schreibt und die Nachrichten spricht, doch lieber den Minister zum Hampelamann.

Inhaltlich war der Vorstoß des Landwirtschaftsministers richtig, in der Form aber mangelhaft - zumindest kam das so rüber. Es wirkte zu wenig differenziert und zu stark nach Stammtisch. Auch der Vorstoß mit dem Schweinfleisch war kontraproduktiv. Kann man alles machen, muss man dann aber reflektierter machen.

Mehr als je zuvor sind Fragen der Ernährung stark emotional beladen. Vor allem aber hat zum Thema Kochen und der Ernährung ein jeder was zu sagen, ob er jetzt davon Ahnung hat, oder nicht. Oder nur eine Diät-Halbbildung aus Zeitschriften, seien es jetzt nun Yellow Press oder Lifestyle-Magazine.
Ob nun Halal, Vegan, Gluten-, Laktose- oder sonstwie -frei, Paleo-Diät, Trennkost oder was auch immer: Ernährung wird zur Glaubenssache und wer auch immer anderer Meinung ist, der ist gleich der Antichrist und zumindest Agent der CMA.

Nur die, die wirklich Ahnung haben: Ernährungswissenschaftler und -mediziner, Diätexperten und Köche - die sollen am Besten die Klappe halten oder werden nicht ernst genommen.
Die wissenschaftliche Ernährungslehre kann auf eine Geschichte von über 150 Jahren zurück blicken. Es handelt sich um eine komplexe und vielschichtige Wissenschaft, deren Erkenntnisgewinn oft auf indirekte Methoden zurückgreifen muss und deshalb in ihren Aussagen oft vage bleiben muss - allein auch wegen einer großen Bandbreite individueller Unterschiede. Wo sie aber definitive Aussagen treffen kann, da haben sie dann auch Hand und Fuß!

Meine persönliche Erfahrung ist, dass viele, wenn nicht die meisten, die über Ernährung mitreden (auch in meinem Bekanntenkreis), nicht mal ein einziges ernährungswissenschaftliches Buch gelesen haben. Gelesen wurden entweder nur (bestenfalls) Außenseitermeinungen irgendwelcher selbsternannter Ernährungspäpste oder Lifestyle-Zeitschriften.
Deren Aussagen werden dann nachgeplappert; Aussagen, die sich i.d.R. so überhaupt nicht belegen lassen. Es handelt sich entweder um veraltete und widerlegte Modelle, Postulate und Fehlinterpretationen - oder um oberflächliche Verallgemeinerungen, die der wissenschaftlichen Realität einfach nicht gerecht werden.
 

Giacomo_S

Ehrenmitglied
Mitglied seit
13. August 2003
Beiträge
2.804
Offenbar ist der Hype um den Vegetarismus / Veganismus genau so schnell wieder vorbei, wie er angefangen hat - zumindest, was Fleischersatzprodukte und den Supermarkthandel betrifft:

Wirtschaftswoche vom 12.5.2017: Ende des Veggie-Booms. Die Rückkehr der Fleischesser und Flexitarier

Doch ehe er so richtig begonnen hat, ist der Hype um Soja-Schnitzel und Tofu-Schaschlik offenbar wieder vorbei. Während sich der Absatz herkömmlicher Wurst annähernd stabil entwickelt, haben die Deutschen zuletzt deutlich weniger Veggie-Produkte gekauft. Das zeigen Daten der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die der WirtschaftWoche vorliegen. Einige Hersteller ziehen schon Konsequenzen. Sie werben nicht mehr oder treten komplett den Rückzug an
[...]
Die Laborkreationen aus Tofu, Erbsenprotein oder Lupinen kommen bei den Verbrauchern nicht gut an. „Viele haben die Produkte ausprobiert, aber der überwiegende Teil hat es bei einem Versuch belassen“, sagt GfK-Experte Wolfgang Adlwarth. Schon Anfang 2016 hatte sich das Wachstum bei fleischlosen Würsten und Schnitzeln deutlich abgeflacht. Ende vergangenen Jahres hat der Absatz stagniert, im Januar lagen Tofu-Wurst und Co. mit fünf Prozent im Minus. Im Februar waren es sogar knapp zehn Prozent gegenüber Februar 2016.

Branchenkenner vermuten, dass insbesondere die Handelsketten mit qualitativ fragwürdigen, eilig auf den Markt geworfenen Eigenmarken für Verdruss gesorgt haben. „Man wollte den Hype mitnehmen“, sagt Hermann Sievers, Partner bei der Beratung International Private Label Consult. „Das führte außer zu möglicherweise nicht zufriedenstellenden Geschmacksergebnissen auch zu einem Überangebot in einem immer noch recht kleinen Markt.“ Neue Käufer, so zeigen es die Marktforschungsdaten, kommen in dem kaum noch hinzu.
[...]
Clemens Tönnies überrascht das Urteil nicht. „Der Verbraucher isst dauerhaft nichts, was ihm nicht schmeckt“, sagt der Chef des größten deutschen Schweineschlachters. Auch der Fleischriese aus Westfalen hatte im Boomjahr 2015 mit fleischloser Ware geliebäugelt, es dann aber bei einer vegetarischen Variante der Tiefkühlmarke Tillman’s Toasty (Slogan: „Don’t call it Schnitzel“) belassen.

Lieblos, teuer, ungenügende Qualität, eine zu kleine Kernkäuferschicht - genau das, was ich bislang immer gesagt habe. Erfahrene Branchenriesen, darunter die Firma Nestlé, haben sich gar nicht erst in den Boom gestürzt. Die wussten, es würde vorbei gehen und es nur darin enden würde, an deren Ruf zu kratzen.
 

streicher

Ehrenmitglied
Mitglied seit
15. April 2002
Beiträge
4.788
.
Giacomo_S schrieb:
Offenbar ist der Hype um den Vegetarismus / Veganismus genau so schnell wieder vorbei, wie er angefangen hat - zumindest, was Fleischersatzprodukte und den Supermarkthandel betrifft:
So manch Supermarktkette hat eindrücklich bewiesen, wie wenig Vegetarismus/Veganismus und ökologisches Denken zusammenhängen können.
Einige Produkte haben sich als sehr ungesund erwiesen, was sich negativ auf die Branche ausgewirkt haben dürfte. Außerdem ist das Verpacken in weichem Plastik auch nicht gerade löblich, wird aber in Supermärkten mit vielen veganen und vegetarischen Produkten lebhaft praktiziert.

Lieblos, teuer, ungenügende Qualität, eine zu kleine Kernkäuferschicht - genau das, was ich bislang immer gesagt habe. Erfahrene Branchenriesen, darunter die Firma Nestlé, haben sich gar nicht erst in den Boom gestürzt. Die wussten, es würde vorbei gehen und es nur darin enden würde, an deren Ruf zu kratzen.
Welchen Ruf haben die Branchenriesen denn? In dem von dir verlinkten Artikel ist durchaus zu lesen, dass auch Nestlé aufgesprungen ist, in diesem Jahr die Werbungskosten jedoch wegradiert hat. Nestlés Ernährungsstudio widmet den Fleischalternativen seine Kapitel - halte ich durchaus für nennenswert.
Vielleicht hat Nestlé den Ruf, sich gut zu verkaufen: Nestlé ist der größte Lebensmittelhersteller der Welt, noch vor Unilever, eine Lebensmittelkrake und erinnert in seiner Sparte an Google oder Facebook, eben in einer anderen. In dem Sinne, sicher, schüttelt Nestlé das ab, was keinen Gewinn mehr bringt, reißt aber das an sich, worauf es rücksichtslos bauen kann, zum Beispiel Wasser: Bottled Life.

Sorry, bin ein wenig abgeglitten, aber ich musste mich mal über Nestlé aufregen.
 

Giacomo_S

Ehrenmitglied
Mitglied seit
13. August 2003
Beiträge
2.804
streicher schrieb:
So manch Supermarktkette hat eindrücklich bewiesen, wie wenig Vegetarismus/Veganismus und ökologisches Denken zusammenhängen können.
Einige Produkte haben sich als sehr ungesund erwiesen, was sich negativ auf die Branche ausgewirkt haben dürfte. Außerdem ist das Verpacken in weichem Plastik auch nicht gerade löblich, wird aber in Supermärkten mit vielen veganen und vegetarischen Produkten lebhaft praktiziert.

Worin sollen sie's denn auch sonst verpacken? Sie müssen's ja irgendwie in den Handel bekommen.

streicher schrieb:
Sorry, bin ein wenig abgeglitten, aber ich musste mich mal über Nestlé aufregen.

Kann ich durchaus verstehen, die haben ja auch genug Skandale an der Backe. Und natürlich springen sie auf den fahrenden Zug mit auf.
Die Frage ist eher, womit. Vielleicht war meine wohlwollende Beurteilung der Firma Nestlé voreilig gewesen, bislang ist das eher ein "gefühlter" Aspekt meinerseits - siehe weiter unten im Text dazu mehr.

Grundsätzlich kann man mal zwei vegetarische / vegane Produktgruppen unterscheiden:
- Produkte, die schon immer vegan oder vegetarisch waren, einfach, weil sie in diese Kategorie fallen: Marmeladen, Gemüse-Brotaufstriche, Hummus, Nutella uvm., oder kurz: Die Klassiker. Da ändert man dann einfach das Etikett und druckt noch einen "vegan"-Button mit drauf, das war's! Am Produkt ändert sich gar nichts. Im Grunde nichts dagegen zu sagen, beim "veganen Mineralwasser" wird's dann zwar etwas lächerlich, aber so what?
- Produkte, die man neu konzipiert, damit sie als vegan oder vegetarisch anbieten kann - worunter z.B. die meisten Fleisch- oder Wurstimitate fallen. Und da wird's dann spannend ...

... denn unter letzteren findet man die wirklichen Entgleisungen. Denn die Produkte der ersteren Kategorie wäre erst gar keine Klassiker geworden, wären sie Schrott gewesen.

Und bei Kategorie Zwei haben sich die Mitbewerber Nestlés m.E ganz anders aus dem Fenster gelehnt:

Danone z.B., die man sicher als Mitbewerber auffassen kann, hat WhiteWave Foods aufgekauft, Hersteller von Sojaprodukten - und damit die Firma Alpro, den europäischen Marktführer für Lebensmittel auf Sojabasis.
Die stellen diese ganzen Pflanzendrinks her, aus Soja, Reis, Kokos, Hafer usw. - und inhaltlich der letzte Schrott sind (Ausnahme: Soja). Denn was diese enthalten, ist Wasser + Kohlenhydrate, teils in ordentlichen Mengen (= wie Cola). Zu Anfang haben sie das noch mit "als Milchersatz" und mit Bildern glücklicher Öko-Kinder beworben - das trauen sie sich mittlerweile offenbar nicht mehr.
Danone hat in der Vergangenheit auch diese ganzen "probiotischen" Becherdrinks aggressiv vermarktet, während es von Nestlé dies nur in der Form eines Joghurts gab (zumindest also wieder: Klassiker).

Branchenprimus und Vorreiter Rügenwalder verkauft uns nicht nur Wurst, sondern auch vegetarischen Aufschnitt, z.B. den "Vegetarischen Schinkenspicker". Und das ist drin:

EIKLAR (65%), Rapsöl, Trinkwasser, Paprika (6%), Kochsalz, Gewürze, Verdickungsmittel: Johannisbrotkernmehl, Xanthan, Carrageen, Säureregulatoren: Kaliumlactat, Natriumacetate, natürliches Aroma, Traubenzucker, Farbstoffe: Carotin, Anthocyane.

Eiklar, 65% ! Na klasse, das ist doch eine absolute Geldmaschine für Rügenwalder: Man dreht dem Konsumenten ein Produkt an, dass zu 2/3 aus dem absoluten Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie besteht, Eiklar nämlich, und verrührt es mit Rapsöl, Wasser, Gewürzen und den Segnungen der Pulver- und Aromenindustrie!

Nett verpackt, zum Preis einer Wurst - und damit man dann da noch "vegetarisch" drauf drucken kann, im Verbund mit dem Vegetarierverband VEBU, der seinen päpstlichen Segen dazu gibt.

Kein Wunder, dass das nicht lange gut gehen kann: Denn für ganz blöd darf man den deutschen Kunden dann auch nicht halten!
 
Oben