Psychologen - Scharlatane oder Helfer?

InsularMind

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Den Unterschied zwischen Lebens -Hilfe / Beratung und Scharlatanerie würde ich mal da setzen, wo das Gespräch von Mensch zu Mensch zum Gespräch von Herr zu Hund wird, sozusagen.

Das ist grob formuliert, aber wenn ich mir so ansehe, was Psychologen machen sollen, dann ist es doch eigentlich mehr so ne Art Beratungstätigkeit oder Hilfe zur Selbsthilfe mit dem aspekt, dass eben Fremde versuchen, sich in Dich hineinzuversetzen und Dich zu verstehen, anstatt dass es der Kumpel oder die Frau ist.

Das Problem das ich habe ist diese oft oberflächliche Beurteilung von Menschen in diese oder jene Kiste, obwohl man sie nicht mal 10 Jahre kennt oder sich darüber grob bewusst geworden sein kann, welche Geschichte sie durchlebt haben.
Ob Störungen nun als Störungen zu sehen sind oder als natürliche Facetten einer Persönlichkeit, die im breiten Spektrum vorfallen können, oder eine bestimmte Entwicklungstendenz der Persönlichkeit herausbilden, daran sollte noch gearbeitet werden.
Anstatt Befindlichkeitstendenzen als unerwünscht oder als Störung zu bezeichnen, wäre es vielleicht besser, den Leuten wieder zu zeigen, dass man damit umgehen kann, anstatt diese Facetten gänzlich auszublocken oder möglichst am Vorkommen zu hindern.
Mit dem Einteilen in 'krank' oder 'gesund' erscheint mir die Psychologie/ Psychiatrie allzu leicht zu tun, wer stellt diese Normen auf, wer sagt, dass man sich verändert oder medikamentös eingeimpft heiter 'richtiger' fühlt als 'nicht behandelt'
Woher will ein Psychologe wissen ob ein Klient sich seine subjektive Realität 'übersteigert' zu Herzen nimmt, wenn er selbst die Vorgänge im Leben der Person nicht erlebt hat?
Manchmal erscheinen Beurteilungsversuche dahingehend regelrecht vermessen und ungestüm.

Die Idee der künstlich stimmungsgerecht eingestellten Befindlichkeit, wie das im Beitrag von BrettonWoods teilweise anmutet halte ich für den falschen Weg, eher wäre es mal an der Zeit zu begreifen, dass eine natürliche Persönlichkeit nicht nur aus Heiterkeit und ständigem Glückszwang bestehen kann.
Ebenso ist eine Persönlichkeit individuell aufgebaut, wenn man die selben Anzeichen findet, muss nicht der gleiche Erfahrungsweg dahinter stecken -- nicht alle Schnippler sind Borderliner und nicht alle Übertreiber übertreiben wirklich.

Psychologen scheinen manchmal einer Berufskrankheit zu erliegen :
Dem Typisierungszwang :?
Nicht so viel Störungen begründen, weniger Krankheiten 'auflabeln' sondern Menschen als Individuum begreifen, Empfindungsvorgänge als Veränderliches statt als mit aller Möglichkeit aufrecht zu erhaltende Heiterkeitsflagge,Persönlichkeit und Hergangsgeschichte verbinden und nicht den Lebenserfahrungsweg eines Menschen als 'subjektive Empfindung' verharmlosen, dann kommt man der Hilfe näher.
Noch mehr Unterschubladen, noch mehr verordneter Glückszwang, noch mehr künstlich angekurbelte Peptidenschwemme -- und man kommt dem Scharlatan näher.

Wenn Psychologen im Dienste des 'Klienten' arbeiten , versuchen, sich in seine Person hineinzudenken, und ebenso der 'Klient' diese Hilfe sucht, aus freier Entscheidung, oder weil ihn sein 'Leidensdruck' dazu veranlasst, dann finde ich das für Diejenigen, die daher einen Sinn oder Nutzen finden ebenso gut und recht wie wenn Gläubige diesen Sinn in ihrem Glauben finden, aber ich glaube nicht an Drängen oder Pochen auf Notwendigkeit -- es gibt genügend Leute, die die selben Dinge eben auch mit dem besten Kumpel bereden können.
Ob Leidensdruck oder nicht sollte der Betroffene entscheiden

Für intelligenter, empathiefähiger oder wesentlich 'professioneller' ( was immer man sich daher erwarten mag ) als 'gewöhnliche' Leute halte ich Psychologen auch nicht.
Ich halte sie für vernünftiger und angenehmer als Jahrmarkt - Astrologen und Wanderprediger oder manch esoterisch durchzogenen Handaufleger / Geistheiler.
Würde sie eher als moderne Seelsorger, Berater, Schamanen ( nicht nach der einfältigen Allgemeinerklärung ) sehen, wie als Wissenschaftler, da Wissenschaft eigentlich eher auf greifbaren Konzepten ( physische Beweise ) aufbaut -- na ja, down to earth gebracht hängt das allerdings wiederum davon ab, ob das, was uns unsere Sinne von der Wirklichkeit herausinterpretieren können, auch wirklich wirklich ist :wink:

Über Psychiater denke ich weniger positiv.
Hat teilweise mithin persönliche als auch aus weiterem Bekanntenkreis herangeführte Gründe.
Wenn Leute gegen ihren Willen mit Gift zugedröhnt werden -- Halperidol ist wohl auch nicht besser als manch illegales Zeugs -- temporär oder längere Zeiten still gemacht, navigationsunfähig gemacht werden, da ist mir die Gefahr zu hoch, dass eben nicht nur angriffslustige Psychoten und akute Suizidwillige da landen, und die Unterscheidung ist wohl aus Zeitgründen / Personalgründen oft nicht grade nachvollziehbar, und hat einen Anklang von Missachtung mancher Persönlichkeitsrechte an sich.
Ob Menschen mit Medikamenten nicht eher Schaden als Nutzen beigebracht wird, sollte mal überdacht werden.

Schwarze Schafe gibt es in jedem Berufsstand, natürlich haben die in Berufen wie Psychiater / Psychologe mehr Möglichkeit zum Zurechtinterpretieren ihrer Handlungen, weil sie als Kompetenzpersonen gelten, ähnlich wie bei Rechtsanwälten, Priestern oder Polizisten -- kaum Jemand würde auf die Idee kommen, ihnen was Unlauteres zuzumuten.
Bei manchen Vertretern dieser Berufe fragt man sich allerdings schon auch, ob sie in einer Baumschule studiert haben oder früher Katzenfriseur waren...
 

Vindaloo

Meister
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Also Scharlatanerie halte ich da für das falsche Wort. Aber bei manchen Therapien muß man natürlich kritisch hinterfragen ob sie überhaupt einen Nutzen haben oder gar Kontraindikativ sind.
Z.B. hat es sich ja eingebürgert, dass bei Katastrophen sofort Psychologen herbeischwirren um die Opfer zu behandeln. Nun habe ich neulich mal gelesen, dass sich in Untersuchungen herausgestellt hat, dass dies genau den gegenteiligen Effekt haben kann. Die Menschen praktisch erst durch die sofortige Beschäftigung mit dem Unglück überhaupt erst traumatisiert werden.
Natürlich sind solche Untersuchung wie fast alles aus der Psychologie mit einem gewissen Wischi-Waschi-Faktor verbunden. Manchen kann es sicherlich helfen, anderen wird es Schaden.
Anderes Beispiel, die Suchttherapie. Die Erfolgsquoten liegen in etwa da, wo unbehandelte Vergleichsgruppen nach ein paar Jahren auch landen. Also einige schaffen es, ob sie behandelt werden oder nicht, andere schaffen es nicht, ob sie behandelt werden oder nicht.
Andererseits, wenn jemand Hilfe sucht, was soll man tun?

Und vieles läuft, wie beim guten Onkel Doc, auf die Selbstheilungskräfte zurück. Also auf deutsch, der Körper hilft sich selbst und alle Beteiligten klopfen sich über ihre "erfolgreichen" Methoden auf die Schulter.

Aber Pauschalurteile halte ich für Unsinn. Es ist zumindest der Versuch sich wissenschaftlich mit der menschlichen Psyche auseinanderzusetzen und etwas anderes haben wir schlicht nicht zur Verfügung, wollen wir nicht wieder zu Medizinmännern, Handauflegern oder anderen (eben) Scharlatanen gehen, wenn die Probleme überhand nehmen.

Die Psychiatrie klammer ich hier mal aus, das ist imho eine völlig andere Liga. Und das es Nieten, wie in allen Bereichen gibt, sollte auch klar sein.
 

Booth

Erleuchteter
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pilatus schrieb:
gegen akute medikation in bestimmten fällen (epilepsie, psychosen, starke depressionen und ähnlich brisante leiden) ist auch mitnichten etwas einzuwenden.

Ich wollte nur kurz dem klassichen Mißverständnis entgegentreten, Epilepsie wäre grundsätzlich eine den psychologischen "Erkrankungen" vergleichbare. Epilepsie ist vor allem eine Krankheit, die in sehr kurzzeitigen Anfällen von wenigen Sekunden bis wenigen Minuten auftritt, und oftmals keine dauerhafte psychische Veränderungen (zumindest ursächlich) bewirkt.
Epilepsie kann in starker Ausprägung verändernde Auswirkungen auf das Wesen einer Person haben - aber GRUNDSÄTZLICH gehört ein Epileptiker in die Hand eines vernünftigen Neurologen und NICHT zu einem Psychologen/Psychiater.

Und Epilepsie kann i.a. nur medikamentös oder gar operativ behandelt werden.
Woher ich das weiß - Na... ich bin selber Epileptiker (gottlob mit einer sehr, sehr leichten Form erkrankt) und natürlich nehme ich ein Medikament, welches mich seit inzwischem mehr als ein Jahrzehnt anfallsfrei leben lässt.

Weitere Informationen zum Thema Epilepsie:
http://www.meb.uni-bonn.de/epileptologie/epi_info/epi_info.htm

gruß
Booth
 

sillyLilly

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Für intelligenter, empathiefähiger oder wesentlich 'professioneller' ( was immer man sich daher erwarten mag ) als 'gewöhnliche' Leute halte ich Psychologen auch nicht.

Ein psychologe muß auch nicht nachempfinden können.
Er muß lernen seinen eigenen Befindlichkeiten und Emotionen aus den Gesprächen rauszuhalten.
Er muß den überblick behalten und dem Klienten helfen den roten Faden in seinem vorübergehenden Gefühlschaos zu finden und ihm Wege aufzeigen können, wie er mit seinen Empfindungen umgehen lernen kann, ohne daß sie ihn blockieren oder sein Leben schwer machen.
Dazu bedarf es nicht unbedingt besonderer Empathie ..... manchmal kann das sogar hinderlich sein, weil der Psychologe sich selber dann nicht heraushalten kann und eine zu enge emotionale Bindung aufbaut oder aufbauen läßt.
Und es geht in einer psychotherapie nicht darum, den Klienten abhängig zu machen vom Psychologen .... von seinen Ratschlägen oder seinem Verständnis. Sondern es geht darum das der Patient möglichst selbstständig mit den Gefühlen klarzukommen lernt.

Proffesionalität bedarf es aber schon, daß ein Mensch nicht selber im Gefühlschaos versinkt oder sich vielleicht persönlich betroffen oder angegriffen fühlt durch Gefühle und/oder Verhalten von Klienten.

Namaste
Lilly
 
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