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Pilatus ein Heiliger? - Acta Pilati

Dieses Thema im Forum "Religion und Glauben" wurde erstellt von Talpa, 3. Januar 2005.

  1. Talpa

    Talpa Großmeister

    Beiträge:
    822
    Registriert seit:
    15. März 2004
    Das Nikodemus-Evangelium ist ein im 5. Jahrhundert entstandenes apokryphes Evangelium. Es stellt die Juden als die Alleinschuldigen an der Kreuzigung dar und verleiht dem Pontius Pilatus den Status des Fast-Heiligen.

    Der erste Teil des Berichts wird auch als die Pilatus-Akten (Acta Pilati) bezeichnet. Sie beschreiben in detaillierter Form den Prozess, die Grablegung und die Auferstehung Jesu.

    Im zweiten Teil wird über die Höllenfahrt Christi berichtet (wie im Bartholomäus-Evangelium) und darüber, wie Jesu sich in den Hades hinabwagte, Luzifer herausforderte und die Vorväter, die Heiligen und die Propheten aus der Unterwelt befreite und ins Paradies führte. Weiter wird auch berichtet, wie Josef von Arimathäa den Heiligen Gral nach der Kreuzigung nach England bringt und dort versteckt.

    Leider ist dieses Evangelium ein bisschen das Stiefkind unter all den Evangelien. Im Internet ist es (zumindest deutschsprachig) nicht zu finden. Mir liegt die Ausgabe von Erich Weidinger ("Die Apokryphen") vor, und ich werde aus ihr erzählen, um aufzuzeigen, warum Pilatus in der koptischen Kirche (ägyptische/äthiopische Christen, die der Legende nach im Besitze der Bundeslade sein sollen) als Heiliger verehrt wird:

    Im ersten Abschnitt wird ein Brief des Pontius Pilatus an den römischen Kaiser Claudius erwähnt. Pilatus erzählt von seinen Erlebnissen, wie die Juden in "gezwungen" hätten, den Jesu kreuzigen zu lassen, obwohl er, Pilatus, doch die Göttlichkeit des Verurteilten erkannt hätte. Pilatus hetzt gegen die Schlechtigkeit der Juden und entschuldigt sich für sein Versagen ("ich wasche meine Hände in Unschuld"), denn eigentlich war er zu feige, Jesu selber hinrichten zu lassen, aber er war auch zu feige, den Mann freizusprechen.
    Pilatus berichtet in dem Brief auch, wie Jesu am dritten Tage auferstanden sei, obwohl seine Soldaten auf Geheiss der jüdischen Priesterschaft Wache hielten. Danach seien die Priester gekommen und hätten den Soldaten Geld geboten, falls diese den Mund über die Auferstehung hielten und der Bevölkerung statt dessen vorlügen würden, sie seien während der Wache eingeschlafen und die Jünger von Jesu hätten den Leichnam entfernt.


    Gesagt, getan. Claudius' Soldaten bringen Pilatus gefangen nach Rom, wo er lange verhört wird. Durch seine feige Unbeherztheit habe er die Welt ins grosse Unglück gestürzt, wird im vorgeworfen. Pilatus verteidigt sich und behauptet, die Juden hätten ihn solange bedrängt, dass ihm keine andere Auswahl geblieben sei: Mit Aufstand und Meuterei und Rebellion hätten sie gedroht; also habe er ihnen den Christus anstelle des Barabas übergeben.
    Pilatus nennt die Hauptschuldigen gar beim Namen. Es sind dies: Herodes, Archelaos, Philippos, Annas und Kaiphas "und die ganze Masse der Juden".
    Claudius wirft Pilatus vor, dass er Jesu in Schutzhaft hätte nehmen sollen, anstatt in Lynchen zu lassen.

    Darauf brach Panik unter den Senatoren aus, alle flüchteten und gingen staunend nach Hause.

    Doch der Kaiser verhörte den Pilatus weiter und wollte alles über Jenen Mann erfahren.
    Pilatus gesteht, dass er schon lange nicht mehr den römischen Göttern, sondern allein Jesu vertraut habe.
    Claudius fragt: Warum bist du dann mit solchem Frevelmut gegen ihn vorgegangen, wenn du ihn kanntest?
    Pilatus antwortet: Wegen der widergesetzlichen aufruhrneigung der gesetz- und gottlosen Juden habe ich das getan.

    Darob geriet Claudius in Zorn und liess vor dem Senat und der ganzen Streitmacht folgenden Beschluss protokollieren:

    Gruss an Licianus, den Kommandanten im Orient! In der jetzigen Zeit verübten die in Jerusalem und den benachbarten Städten wohnenden Juden eine widergesetzliche Freveltat, indem sie Pilatus zwangen, den als Gott anerkannten Jesus zu kreuzigen. ...(...)... Gehorche und gehe gegen sie vor und mache sie zu Sklaven unter die Völker, indem du sie unter alle Völker zerstreust und indem du sie aus Judäa verjagst...(...)...mache das Volk winzig klein...(...)...

    Und Licianus tat wie ihm befohlen...

    Währenddessen befahl Claudius einem Mann namens Albinus, den Pilatus zu enthaupten, indem er sprach: "Wie dieser Hand anlegte an den Gerechten, so soll er in gleicher Weise fallen und keine Rettung finden."

    Und Pilatus schritt um Verzeihung betend der Richtstätte entgegen. Und siehe, als sein Gebet zu Ende war, erscholl eine Stimme vom Himmel:

    ...Und der Präfekt schlug Pilatus das Haupt ab, und siehe, ein Engel des Herrn nahm es auf....(...).

    Sorry, falls ich jemanden langweile. Ich erzähle nur Geschichten. Sowohl katholische Kirche als auch Wissenschaft sprechen diesem Evangelium jegliche Authenzität ab...

    Quelle:
    Die Apokryphen
    Verborgene Bücher der Bibel
    Erich Weidinger
    Bechtermünz Verlag
    ISBN: 3-86047-474-X
     
  2. arius

    arius Erleuchteter

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    ein Augenzeugen-Bericht

    Hallo Talpa,

    Bevor ich meine eigene Meinung dazu zusammenfasse, hier erst noch als wertvolle Ergänzung zum drüber Nachdenken ein kleiner Auszug aus den zu diesem Thema "Pilatus" passenden Schauungen der Therese Neumann, Konnersreuth.
    Die Jesus-Filmemacher wären gut beraten gewesen, dieses umfangreiche Augenzeugen-Material zu verwenden statt lediglich auf bruchstückhafte Bibeltexte zurückzugreifen.
    Der einzige Wissenschaftler, der sich mit diesen Schauungen beschäftigte, war übrigens G.C. Jung, sie hat dann der Orientalist Prof.Dr. Walther Hinz zusammengefasst:

    Da der Stoff allein zur Verurteilung Jesu dutzdende Seiten umfasst, habe ich auf die Ausschnitte gekürzt, in denen Pilatus oder seine Frau erwähnt wurde.

    ... hier ausgelassen 3 groessere Abschnitte über: Jesus vor Herodes...
    Gruss

    Arius
     
  3. Adamantios

    Adamantios Meister

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    Hochinteressant diese beide Beiträge, Talpa und Arius, danke, werde ich mir mal genauer ansehen.


    Eben blamierte sich Karl Lehmann im ZDF in Zusammenhang mit der Flut:

    "Man kann nicht erklären, warum diese Flut... und warum Jesus das furchtbare Schicksal erleiden musste . Die Stellungnahme der Hannoveranerin evangelikalen Pastorin war besser in meinen Augen.

    Habt ihr das auch gesehen ?
     
  4. arius

    arius Erleuchteter

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    ich würde eher sagen, dass sie hauptverantwortlich waren, und zwar wie du vom obigen Augenzeugenbericht siehst, haben sie ja den Pilatus und Herodes gedrängt, die hätten von sich aus bestimmt nichts unternommen.

    Apropos 'heilig', da würde ich die Frau des Pilatus eher in diese Rubrik einordnen, denn er ist ja gekippt auf Grund des Drucks des Volkes...

    Gruss

    Arius
     
  5. Jay-Ti

    Jay-Ti Erleuchteter

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    Pilatus ist „von Charakter unbeugsam und rücksichtslos hart“
    Philo, Legatio ad Caium § 38

    Er lässt zum Bau einer Wasserleitung nach Jerusalem aus der Kasse des Tempels stibitzen und die dagegen protestierenden Demonstranten niederknüppeln.
    Zudem hat er im Gegensatz zu seinen Vorgängern keinen Respekt vor der jüdischen Religion. (Pilatus lässt Kaiserbilder und vergoldete Schilder mit Kaisernamen nach Jerusalem bringen, was dem jüdischen Glauben wiederstrebt, nach welchem weder Menschen noch Tiere derart dargestellt werden dürfen.)
    Letztendlich wird er durch den Syrischen Statthalter, welcher eine römische Vollmacht besitzt, abgesetzt, nachdem er viele Samariter umbringen lässt, weil diese den Berg Garizim besteigen. Prokurator Marcellus tritt seine Nachfolge an.

    Es ist fraglich ob ein solcher Pilatus lange hat sich überreden lassen einigen Kreuzigungen zuzustimmen, welche in eine tatsächlcih stressige Zeit, in der die Stadt voll von Pilgern und damit ein ständiger und bekannter Unruhepol war, fielen.
     
  6. arius

    arius Erleuchteter

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    Warum Griechisch, Aramäisch war die Sprache damals...

    Auch in dieser Frage weist unsere Aufgenzeugin zum oben angesprochenen zeitraum der Kreuzigung (Quelle siehe oben) erstaunliche Details zu schildern:

    Ich bitte evt. rechtschreibfehler beim Aramäischen zu entschuldigen, da sie in dem Manuskript von Prof. Dr. Walther Hinz schlecht leserlich waren...

    Gruss

    Arius
     
  7. Jay-Ti

    Jay-Ti Erleuchteter

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    Nein, moment, ich meinte doch, und ich wundere mich über die Verwunderung, dass Luther nicht falsch übersetzt hat, da er, Luther, wohl auf den Text von Markus zurückgriff, wo eben das oben genannte Zitat vorkommt. Dieser jener... Markus.. aber schrieb auf Griechisch (das nehme ich jetzt mal so an, bitte korrigiert mich), und somit liegt uns kein Original Aramäischer Spruch von Jesus, den Luther hätte falsch interpretieren können, vor. Klar? Wenn nicht, es wäre auch egal, es ging ja nur um eine kleine Randnotiz.

    Was ich von Transzendenten Augenzeugenberichten halte, muss ich wahrscheinlich erwähnen. Ansonsten schade, dass meine Bemerkung über den historisch nachweisbaren Pilatus umgangen wurde.