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Ist es nötig Christentum/Judentum/Religion zu stärken, um dem Islam entgegenzuwirken?

Dieses Thema im Forum "Politik, Sozialkritik, Zeitgeschehen & Geschichte" wurde erstellt von Telepathetic, 8. April 2018.

  1. Telepathetic

    Telepathetic Großmeister

    Beiträge:
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    Die Konservativen in Deutschland bemängeln, dass die Deutsche Regierung Islam-Appeasement betreibt und gleichzeitig das Christentum vernachlässigt. Dementprechend halten Konservative am Christentum fest und wollen es stärken. Sie sehen im Christentum im Gegensatz zum Islam die besseren Werte. Dem stimme ich zu. Auch befürchte ich die Möglichkeit, dass Muslime mit wachsendem Stärkegefühl einhergehend mehr und mehr ihrer Tradition gemäß leben. Das würde in meinen Augen in Ordnung sein, wenn es sich dabei nur um Äußerlichkeiten, um Folklore handelte, um Gastronomisches, Kleidung und Musik. Da es aber um das ganze Paket geht, und die staatliche Umerziehung bei der Mehrzahl der Muslime nicht funktioniert, ist es absehbar und bereits sichtbar, wohin die Reise geht. Leider, denn die Minderheit der Muslime, die sich tatsächlich integriert haben oder dabei sind, sich zu integrieren, reißt die Eisen nicht aus dem Feuer.

    Mir geht es in diesem Thread allerdings nicht um die Frage, was genau gegen einen erstarkenden Islam zu tun ist, sondern um die Frage, ob es ein Denkfehler ist, dass andere Religionen, in unserem Kulturraum nunmal das Christentum, gestärkt werden müssen, um ein Gegengewicht zu bilden? Ich sehe die Gefahr, dass Christen mit wachsendem Stärkegefühl einhergehend mehr und mehr ihrer Tradition gemäß leben; das mag eine Tradition sein, die durch die Aufklärung ein wenig gelockert worden ist. Dennoch gehört auch zur christlichen Vorstellung eine traditionelle Rollenverteilung, der Mann geht arbeiten, während die Frau die Kinder versorgt. Und dann sind da die christlichen Geschichten, die für viele überholt sein dürften.

    Also, ist es ein Denkfehler, eine Religion mit einer anderen Religion zu bekämpfen, oder sollte ein anderer Weg gefunden werden? Muß man heutzutage überhaupt noch die Geschichten aus den Religionen erzählen und auf ihnen Theologie, Werte, Gesetze, erwünschtes Verhalten, Charakterbildung gründen?
     
  2. streicher

    streicher Ehrenmitglied

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    Nun - mit welchen Ziel möchte jemand eine Religion stärken? Ich würde schon annehmen, dass eine Kirche von sich aus probiert, Außenwirkung zu erzielen, und letztlich auch christlicher Weltanschauung und christliche Werte Geltung zu verschaffen. Mit der Erstarkung insbesondere einer anderen Religion, deren Mitglieder sich teilweise nicht so im Miteinander, sondern im Nebeneinander oder vielleicht sogar in einem Gegeneinander sehen, haben die Kirchen die Möglichkeit, darauf hinweisend den Zeigefinger zu erheben. Das werden einige christliche Kirchen sicherlich auch tun. Das würde wohl schon die innerkirchliche Logik gebieten. Das würden sie ganz sicher nicht als Fehler sehen. Religionskritiker sehen dann insgesamt die Gefahr der Erstarkung von (erz)konservativen Kräften oder sogar von Fanatismus - von beiden Seiten.
    Nun ist aber die Frage, was von Außen gemacht werden kann. Sollte der Staat das Christentum stärken - dann wäre die Trennung von Kirche und Staat nicht mehr ganz 100-% gewährleistet. Sollte die Leitkulturdebatte darauf hinzielen? Der tatsächliche Trend ist zum großen Teil dadurch geprägt, dass sich viele von den Kirchen abwenden - mit unterschiedlichen Ergebnis: einige haben ihre ganz persönlichen religiösen Vorstellungen, andere haben den Glauben voll verloren, andere wiederum wenden sich vielleicht extremeren Kongregationen zu. Das Judentum hierzulande wird es wohl ähnlich erfahren haben. Wir haben auch eine Jüdin als Nachbarin gehabt, die allerdings selbst evangelischen Glaubens ist. Im Großen und Ganzen verliert allerdings die Religion hier an Gewicht, also, wenn ich an Juden- und Christentum denke. Da haben wir schon einen "Point-of-no-return" übersprungen.
    Was den Islam angeht: die Anzahl der Extremen nimmt zu. Die absolute Anzahl der Anhänger des Islams nimmt wohl auch zu. Allerdings ist es wohl schwer zu erfassen, wie viele der "Muslime" tatsächlich überhaupt noch religiös sind und sich nicht vielleicht sogar schon total abgekehrt haben. Mir sind schon einige über den Weg gelaufen. Ein bisschen Aufschluss über die tatsächlichen Zahlen gibt der Artikel Was Studien über Muslime erzählen.
    Ich persönlich, dem Lager der Religionskritiker zugehörig, würde also andere Wege einschlagen als zum Beispiel eine Religion als Religion an sich zu stärken. Vielmehr tendiere ich dazu, die Anhänger einer Religion zum kritischen Gespräch herauszufordern und auch die historische Sichtweise einzublenden.
    Wie du selbst schon sagst, würde ich viele traditionellen Werte, die aus zum Teil uralten Rollenbildern, Weltanschauungen kommen, entgegentreten, in dem Sinne also allen drei abrahamitischen Religionen. Es sind für mich auch andere Errungenschaften, die zu verteidigen sind, die aber nicht aus diesen Religionen kommen, die also vielmehr gegen den Widerstand von religiösen Institutionen errungen worden sind.
     
  3. Telepathetic

    Telepathetic Großmeister

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    16. Oktober 2010
    Ich denke für die meisten Leute ist das Christentum tatsächlich bereits zu sowas wie Folklore ohne weitere Tiefe geworden. Man ist sich der Feste bewußt, feiert eventuell auf einer oberflächlichen Ebene (Christbaum aufstellen, Geschenke schenken, Ostereier verstecken, usw.), aber hat weniger Bezug zu dem spirituellen Gehalt.

    Ich kann mir vorstellen, dass auch viele Muslime ihre muslimische Identität ruhen lassen, abgelegt haben, nur noch am Rande mit in Berührung gekommen sind und eventuell eine ähnliche tiefenlose folkloristische Einstellung zu ihrer Religion haben. Die erste Generation an Gastarbeitern in den 1950ern hat sich wohl wenig angepasst, hat zu Hause die Tradition gepflegt. Deren Kinder hatten mehr Berührung mit den Deutschen und haben sich zwischen zwei Kulturen befunden, nichts Halbes, nichts Ganzes. Und deren Nachkommen haben dann eventuell den Bruch vollzogen und sich der deutschen Kultur angepasst; ähnlich wie die Nachkommen der aus den russischen Stetls nach Amerika ausgewanderten Juden. Zum Verdruss derjenigen Juden, die sich traditionell jüdisch identifizieren, haben sich viele Juden an Amerika assimiliert, nehmen Judentum als eine kulturelle Sache wahr. Punkt ist, sie lehnen ihre jüdische Zugehörigkeit nicht komplett ab, sie nehmen sie nur nicht mehr unbedingt als den grundlegensten Teil ihrer Persönlichkeit wahr. Das könnte auch eine Rolle bei Menschen aller Religionen eine Rolle spielen, je nachdem wie sehr sie in ihrem Glauben aufgewachsen sind.

    Ich z. B. bin in einem Haushalt aufgewachsen in dem ein Elternteil katholisch aufgewachsen ist und der andere Elternteil evangelisch. Beide sind aus der Kirche ausgetreten, und haben es mir vollkommen freigestellt, ob ich in eine Gemeinde will oder nicht. Ich habe nie Interesse gezeigt, habe aber manchmal zu Hause in der Bibel gelesen, vor allem im AT, und hatte evangelischen Religionsunterricht, bis ich in die Ethik-Klasse wechseln konnte. Im späteren Erwachsenenleben ist mein Interesse am Christentum angestiegen, ich habe mich ein wenig informiert, bin sogar in eine Gemeinde rein und nach einem Jahr wieder raus, nicht zuletzt, weil ich mit den Widersprüchen im Glauben zurechtgekommen bin. Meine Beschäftigung mit der jüdischen Lehre hatte dann eine befreiende Kraft, aber ich habe kein weiteres Interesse mich an eine jüdische Gemeinde anzunähern.

    Von daher ist es für mich kein großer Bruch in meiner eigenen Identität, dass ich mit dem Christentum nach nur einem Jahr gebrochen habe. War eine Erfahrung, mehr nicht.

    Und aus den Alltagserfahrungen heraus, macht es für mich am meisten Sinn freundlich zu den Menschen zu sein und die Werte zu leben, die ich auch für die Gesamtgesellschaft für richtig halte. Was nützt es denn auch, sich gegen Fremdländer schäbig zu verhalten? Die merken sich auch, wie sie behandelt werden und eigentlich dürften es nur bestimmte Organisationen sein, die all ihr Tun auf eine Übernahme von Kulturen und Ländern ausrichten.
     
  4. streicher

    streicher Ehrenmitglied

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    Einige wiederkehrende Ereignisse im Christentum sind auch durch Traditionen gekennzeichnet, die eigentlich nicht typisch christlich sind. Woher kommt eigentlich der Tannenbaum? Und woher seine Dekoration? Und typischerweise wird oben ein Stern angebracht... Woher kommt das Beschenken? Das sind doch Traditionen, die man haben kann, ohne dem christlichen Glauben angehörig zu sein. Und gibt es nicht auch Andersgläubige, die zum Teil diese Traditionen auch übernommen haben? Ich glaube, über die Herkunft des Osterhasen wurde anderswo vor einiger Zeit hier im Forum schon geredet.
    Vielleicht werden manche Traditionen auch deswegen beibehalten, weil es für die Kinder was Tolles ist. Tja - feiern manche überzeugte Atheisten auch Weihnachten?
    Es gibt wohl um die 150.000 bis 200.000 Juden in Deutschland. Circa die Hälfte lebt ihren Glauben wohl aktiv (Kennt ihr da genauere Zahlen?). Scheinbar ist es allerdings für Christen einfacher hierzulande, ihren Glauben aktiv und offensichtlich nach Außen zu zeigen. Verdeutlich hat das erst jüngst ein Vorfall in Berlin: dort hat ein Israeli nicht geglaubt, dass man unsicher lebe, wenn man eine Kippa trage. Er wurde attackiert. Eine große Schande ist das. Ist das nun auch eine Antwort auf die Titelfrage: das Judentum zu stärken würde u.a. bedeuten, dass es sich unverfolgt und unangegriffen zeigen kann.
    Bei den Muslimen findet man ein weites Spektrum. Fakt ist auf jeden Fall, dass diese nun doch größere Zahl der Muslime sich erst in junger Geschichte entwickelt hat. Von Außen wird wohl ziemlich viel Einfluss auf die muslimischen Gemeinden genommen. Ich denke da zuerst an den Einfluss aus Saudi-Arabien oder aus der Türkei und würde das als aggressive Mission und mindestens zum großen Teil als Fundamentalisierung abheften. Das geschieht in anderen Ländern in noch heftigerer Form, wie zum Beispiel auf dem Balkan. Dort wird in Infrastruktur investiert, gekoppelt mit der Errichtung religiöser Stätten und Koranschulen.
    Und von daher ist der Gedanke, gegen diese Form von Missionierung und auch Radikalisierung, etwas entgegenzusetzen, schiere Notwendigkeit.
     
  5. Giacomo_S

    Giacomo_S Ehrenmitglied

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    "Das Christentum stärken" - da ist dann eher die Frage, was man da stärken will und wie.
    Solche Vorstöße kommen im Großen und Ganzen nur aus Bayern, von der CSU und meinen nichts anderes als "die katholische Kirche, den Katholizismus und die CSU stärken".
    Wenn's sich nicht gleich nur um Lippenbekenntnisse handelt.

    Der Katholizismus ergeht sich, seit vielen Jahrhunderten, fast nur noch entweder in Dogmen oder in Formalien. Die Reformation haben sie noch immer nicht verdaut. Als Protestant bleibt mir das ganze Geschwurbel um Maria, die endlose Zahl der Heiligen, Weihwasser, Weihrauch und Rosenkranz ziemlich fremd.
    Damit kann ich nichts anfangen, es lässt sich aus der Bibel so nicht ableiten, es hat mit der Botschaft Jesu nichts zu tun, es sind (für mich) gewisse Formen von Götzendienst und Einiges davon ist zutiefst heidnisch.

    Wenn ich, obwohl Christ, das alles nicht verstehe: Wie soll das dann erst jemand aus einem anderen Kulturkreis, mit einer anderen Religion, verstehen?

    "Das Christentum stärken" - das ist, die christlichen Werte zu leben, das Miteinander zu stärken, Härten abzumildern, Gemeinsamkeiten zu entwickeln. Das kann man auch nicht predigen, vielmehr muss man das vorleben. Das Herumtragen einer Marienfigur mit Trompetengeblase versteht kein Muslim. Für den ist das Götzendienst - und im Grunde hat er recht.

    Derzeit arbeite ich für eine religiöse Organisation, einen christlichen Orden (der nicht von der katholischen Kirche unterstützt wird), der versucht, solche Werte zu leben: Armenspeisung (365 Tage im Jahr), Kleider- und Lebensmittelspende. Für diejenigen, die heutzutage die Ärmsten sind (und die entsprechen nicht dem christlich verklärten Abziehbild der Bedürftigkeit).
    Aber auch Asylbewerber gehören zu unseren Gästen - eine gute Gelegenheit, sie ihnen einmal vorzuleben, die "christlichen Werte".
    Die Arbeit verrichten Menschen, die einst selbst aus prekären Situationen kamen, so auch ich.

    Einerseits schätzt die Stadt München diese Arbeit und unterstützt sie. Anderseits gräbt sie uns das Wasser ab, denn die meist ehrenamtlichen Helfer können nur von Sozialgeldern leben. Der Orden kann sie nicht bezahlen und mit "50 Helfern vielleicht 2x die Woche 2 Std. - abends" kann man keine Abholung, Sortierung, Verarbeitung, Verteilung und Kompostierung dieser Größenordnung bewerkstelligen und auch kein vollwertiges und umfangreiches Mittagessen für bis zu 150 Gäste pro Tag. So man solche Helfer bekommt, denn das will keiner machen, ob bezahlt oder nicht.
    Jeder einzelne von uns soll aber, den Behörden zufolge, sofort wieder mit dem Ehrenamt aufhören und ins ordentliche Berufsleben.

    Eine "hohen Respekt" äußerte die Bundeskanzlerin kürzlich vor uns Ehrenamtlern, aber von Respekt kann sich keiner was kaufen. Uns einfach - auf dem geringen Niveau, wie wir jetzt sind - einfach von ALGII leben lassen: Das will dann auch keiner. Auch dann nicht, wenn wir dafür 30 Std. und mehr die Woche eine gemeinnützige Arbeit leisten.

    Und da enden sie dann auch schon wieder, die "christlichen Werte". Da nämlich, wo es um die Ausgestoßenen und Penner geht und nicht um die Saläre der Bischöfe oder wo es überhaupt nur ums Geld geht. "Christliche Werte", das ist dann eher Heiligen-Abziehbilder im Kindergarten.
     
    Galahad gefällt das.