Der Schulz-Effekt

streicher

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Nanu, die SPD habe die CDU/CSU laut Umfrage überholt (bisher noch nur laut einer Umfrage...). Mit der Nominierung von Schulz schnellen die Prozentpunkte der SPD fulminant in die Höhe. Die Bundeskanzlerin muss sich ernsthaft Gedanken darüber machen, ob sie noch eine Wahlperiode regieren kann. Das sah im Vorlauf der letzten beiden Wahlen aber nicht so aus.
Woran liegt's? Einerseits: die Person macht es aus. Dabei macht sich Gabriel als Außenminister gar nicht so schlecht. Aber als Kanzlerkandidat wurde er nicht angenommen, Schulz jedoch durchaus.
Aber woran liegt es noch? Stehen die Zeichen schlicht und einfach auf Wechsel? Ein wenig Wechsel wird es schon sein, wenn es eine Groko geben sollte, bei der Kanzler Schulz heißt. Aber schon wieder eine Große Koalition? Es könnte darauf hinauslaufen, denn die Grünen sind laut Umfrage einstellig, die FDP so oder so - und muss wieder einmal um den Einzug bangen, Die Linke verliert an Prozent, die AfD hält sich knapp im zweistelligen Bereich. Für eine Koalition kommt letztgenannte nicht in Frage.

Sollte man sich vielleicht in Zukunft sogar darüber Gedanken machen, dass höchstens zwei Wahlperioden regiert werden kann, so dass mehr Wechsel in der Politik möglich wird? So wie in den USA oder in Russland? Hier regieren Koalitionen: es ist ohnehin weniger Wechsel in der Politik möglich. Der Ruf nach Wechsel wurde in den letzten Jahren ganz offensichtlich deutlich lauter.
 

hives

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Abwarten, ob das von Dauer ist - ich habe da starke Zweifel. Schulz ist noch vergleichsweise unbekannt und wurde imho plötzlich medial über fast alle Lager hinweg sehr positiv dargestellt - das kann sich schnell wieder ändern. Und er profitiert noch davon, dass sich niemand so genau dafür interessiert hat, was er in seiner langen EU-Zeit eigentlich gemacht hat. Und davon, dass er den Leuten noch nicht detailliert erklären muss, was er genau wie ändern will.

Man könnte wohl auch folgendes behaupten: Gabriel will sich nicht als Pseudo-Kanzlerkandidat verbrennen lassen und flüchtet sich in ein Ministeramt - dem ist klar, dass die SPD wenig gewinnen kann, weil man überhaupt keine substanzielle Kritik am status quo vorbringen kann und will... Und in den Medien und auch anderswo ist man derzeit einfach froh, dass das Charme-Monster Gabriel endlich ersetzt wurde...


streicher schrieb:
Sollte man sich vielleicht in Zukunft sogar darüber Gedanken machen, dass höchstens zwei Wahlperioden regiert werden kann, so dass mehr Wechsel in der Politik möglich wird?

Ja, das sollte man imho...
 

Ein_Liberaler

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Imho sollte man das nicht. Da unser Regierungschef, im Ggsatz zum Staatsoberhaupt, gar keine feste Wahlperiode hat und jederzeit ersetzt werden kann, wäre das unsystematisch.
 

hives

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Simple Man schrieb:
Ich vermute, eine dauerhafte Verfestigung von auf bestimmte Menschen zulaufenden Machtstrukturen, langfristig wahrgenommene Alternativlosigkeit nicht nur in der Politik sondern auch im Personal und damit einhergehende inhaltsleere Personalisierungen könnten sich mittel- bis langfristig als problematisch für Demokratien erweisen... Ich will nicht behaupten, dass dieser Aspekt für aktuelle negative Entwicklungen allein oder maßgeblich verantwortlich ist, aber eine entsprechende Begrenzung sollte eben imho durchaus ergebnisoffen diskutiert werden...
 

streicher

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So schnell er kam, scheint er auch wieder vorbei zu sein - der Schulz-Effekt. Hat Schulz sich zu wenig Profil aufgebaut? Traut man ihm nun doch weniger zu als Kanzlerkandidat? Hat sich vielleicht sogar die SPD zu sehr in Richtung Liberalismus verrannt?
Wie dkR schon sagte, stehen die Zeichen langfristig doch eher auf GroKo unter der Vorhand der Unionen. CSU und CDU können sich ja auch wieder.
 

haruc

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Wenn man einen Hype geschickt nutzen will, muss man ihn füttern. (Siehe GTA V) Das heißt dass man ständig noch eine Schippe drauf legen muss. Scheinbar hatte die SPD um Ende Februar herum ihr Pulver bereits verschossen, und selbst so ein "netter" Charakter wie Schulz (vielleicht der einzige Charakter seit Struck, den die SPD zu bieten hat) trägt nicht bis September. Dafür müsste er schon ein populärer Volkstribun sein, und dazu hat er imho nicht das zeug, dazu wirkt er mir dann doch zu "aalig".

Wenn man den Typen mal in Interviews hört, der windet sich wie eine Schlange und redet ums Thema herum, ohne wirklich was zu sagen. Das fällt dem Wähler natürlich auf und ist nicht dazu angetan, irgendwelche großen Sympathien zu erwecken.

Und das Programm das die SPD aufgelegt hat, ist jetzt auch nicht wirklich bewegend. Es riecht nach Mottenkugeln.

Vielleicht der größte Fehler jedoch war es, dass die SPD eine einmalige PR-Chance (die Ernennung Schulz' zum Kanzlerkandidaten) ungenutzt hat vorbeiziehen lassen. Hätte man das ganze in eine Mitmach-Kampagne eingepackt (so nach dem Motto: "Deutschland 2020 - in welcher Zukunft willst DU leben?"), dann wäre das vielleicht was geworden. Aber so? Wenn sich die SPD nicht eine zündende Idee einfallen lässt, sehe ich keine Chance, warum sich da was ändern sollte. (UNd nein, auch der Bundeswehrskandal lässt sich für die SPD nicht in Kapital ummünzen, da auch SPD-Leute das Ressort inne hatten und in dieser Zeit den braunen Sumpf zugedeckt hatten, oder zumindest nicht sehen wollten.)
 
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