Die Vorderzähne immer von rot nach weiß putzen

Paradewohlstandskind

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Die unnötigen Trennungsstriche einfach nicht beachten

FREIHEIT

Autor: Paradewohlstandskind

Die Vorderzähne immer von rot nach weiß putzen

Sie haben mich hierher gesetzt, auf den Platz des Büßers, um zu bereuen, um sie zu verstehen. Um mich herum regiert der Wahnsinn, um mich herum breitet sich die Lautstärke der Stille in ohrenbe-täubendem Maße aus. Kalte, kaum wahrnehmbare Zuckungen im Genick werden stärker und stärker. Bloß nicht aufschreien. Aushalten, ausharren, absitzen. Leise klopft mein Ballettschuh auf Linoleum-boden, durchbricht die atemlose Stille des Alleinseins. Die Lautlosigkeit des alleine mit den Züngeln des Geistes kämpfenden, herumirrenden Inhaftierten, seiner eigenen nonkonformen Gedanken. Das Zucken nimmt ab, wird schwächer und schwächer. Ich fühle, ich versuche zu fühlen, alles was geschieht ganz be-wußt und genau aufzusaugen, es zu speichern, um es später bei Gelegenheit abrufen zu können, doch die Konzentration hält sich immer nur wenige Sekunden. In diesen leicht zu verwischenden Au-genblicken sitze ich bewußt auf der Kloschüssel meiner Unterkunft auf unbestimmte Zeit. Ich spüre die Kälte des Porzellans. Ich spüre meine Füße, wie sie sich angeekelt fühlen von den Sicherheits-schuhen. Ich spüre, wie Nanosekunde für Nanosekunde, ein Stück von mir zu zerfallen scheint. Wie ein nicht mehr benötigter Rechner in einem riesigen Computerzentrum in dem Datei für Datei nicht gelöscht, sondern nur nicht mehr erreichbar...ja von einem leichtfertig eingeschleusten Virus versteckt wird. Ausgerechnet Axl Rose singt jetzt in meinem auf die Hände abgestützten Kopf: "When I´m talking to myself and nobody´s home... alone." Ich nicke den Takt zum Gitarrensolo von Saul Hudson und wünsche mir einen anderen Song, was aber nicht gelingen mag. So sehr ich mich auch wegdenke, ich trage immer noch Ballettschuhe. Ich denke mich auf Festivals, auf Demonstrationen oder auch auf Partys und sehe im unteren Bildrand meiner Phantasie immer nur Ballettschuhe. Von Weitem höre ich die gro-ßen, starken Stiefel des Nachtwächters monoton vor sich hin stapfen. Voller Neid um die geräusch-vollen, achtunggebietendenden Schritte, beiße ich die Zähne zusammen, denn jetzt folgen die schrecklichen neun Buchstaben der Nacht. Audiovisuell! Visuell stehen die Laute da, wie Bild-Zeitungsletter aus Stein, die erdbebenartig über mich hereinbrechen. Es geht nicht um ihre Bedeutung. Es geht nicht um den Wächter. Es geht nicht um die Aus-sprache. Es geht um..."Nachtruhe!" aah, ich kann es nicht deuten. Aber die einzigen menschlichen Laute, die man zwischen 17 und 6 Uhr hört, sind nun mal diese. Und es schmerzt jedes Mal schlim-mer im Ohr, dem man gerade noch Musik vorgegaukelt hat. Mit nack-tem Arsch hechte ich auf mein Bett und versuche im Nachhinein, mit dem viel zu kleinen Kopfkissen meine Ohren vor diesem Klang zu schützen. Seit Ewigkeiten vergleiche ich die Nächte, in denen ich der Stimme gelauscht habe, mit den Nächten in denen ich mich vor ihr geschützt habe. Das hält mich am Leben, die Einsicht, das dies unnahbare Gefühl des Ekels schöner ist, als kein Gefühl. Das Ge-fühl es verpaßt zu haben schmerzt anfangs nicht, es erfüllt einem erst mit Gleichgültigkeit und Stunden später liegt man dann da: Mit offenen Augen, die in die gleiche Dun-kelheit starren, wie geschlossene, und man wünscht sich einen bestiefelten Uniformierten ans Bett, der pausenlos "Nachtruhe!" brüllt. Der Glaube dem Ganzen doch noch etwas abzugewinnen klingt eigent-lich absurd, doch in solchem Wahnsinn steckt der letzte Sinn, den sie mir gelassen ha-ben. Der letzte Funke, der doch reicht um das Glyze-ringemisch mit Nitro zu entfachen. Meine Welt... "Du und deine Welt, ihr habt euch ganz gut aufein-ander eingestellt und das ist es was mir an euch nicht mehr ganz so gut gefällt!" Die Musik im Kopf wird einfach nicht besser. 22 Uhr: Das Licht ist aus. Onanieren, der letzte Spaß des Tages und dann unruhig und schlecht schlafen, während einem sein vergeudeter Fortpflanzungssaft in den Bauchna-bel fließt.

Aufblitzendes Licht schreckt mich aus meinen Träumen und ich ordne meine Gedanken. In fünf Mi-nuten müssen wir wieder antreten zum Morgenappell und zum ekelhaften gemeinsamen Duschen. Es klopft. Wer klopft an der Tür eines einge-sperrten Menschen, was soll dieses Unding. Er hatte mich doch sowieso schon durch das Guckloch beobachtet. Wir sind zu viert in meiner Zelle: Vier Wesen und zwei Körper stehen, sitzen und lehnen manches Mal auch, sich immer wieder in den Blicken ausweichend, in fünf Quadratmetern eingeschränkter Privatsphäre. Ein Teil meines Kopfes läßt während des Gesprächsverlaufs eine Szene aus „Last house on the left“ ablaufen. Ich bin freundlich und untertänig und weiß das mein Ich verstehen kann und verstehen muss, was da so ölig und manches Mal auch schleimig in sein und mein Ohr fließt. Aufgeschwemmte Wort von Absetzung einiger Medikamente und Freigang in die Ortschaft. Musik gesellt sich zu dem Splatter-Movie: Atro-city´s „misdirected“ vom „Die Liebe“ Album. Mein Kopf zerfällt in drei von einander unabhängige Teile, die verkettet, verbunden durch einem jämmerlichen Körper, die Hoffnung nach Freiheit längst aufge-geben haben. Ein Gedankenfluss folgt dem Film und setzt willkürlich die verschiedensten Personen in die Rollen der Schauspieler. Ein anderer Teil hört aufmerksam und konzentriert der Erinnerung der Musik zu und bewertet und rezensiert jede einzelne Note, die Alexander Krull und Bruno Kramm in den Song einfließen liesen. Und der kümmerliche Rest begnügt sich damit, ein Gespräch mit dem Direx zu führen: „Ich freue mich so gute Nachrichten über meine Genesung zu hören, ich wäre un-wahrscheinlich glücklich über ein paar Stunden Freiheit in der kleinen Ortschaft, deren Lichter der Nacht, ich desöfte-ren schon in meinen Träumen sah.“

Ich, mich und sich auf einen Nenner bringen. Ich, mich und sich auf einen Nenner bringen.
Verkrampft kämpfend!
Ich, mich und sich auf einen Nenner bringen. Ich, mich und sich auf einen Nenner bringen.

Nach einem Randomdurchlauf prominenter Persönlichkeiten, wie Rick Rubin oder auch Berta Griese, findet sich nun der Direktor auf dem Bett gefesselt wie-der. Phantasie? Alp- oder Wunschtraum? „Natürlich, Herr Direktor werde ich auch weiterhin alles dafür tun, um schnellstmög-lichst hier heraus zu kommen.“ „Das freut mich sehr, Herr Solmsen, ich bin mir auch sehr, um nicht zu sagen ganz sicher, das sie es schaffen werden, Herr Solmsen, sie packen das.

Im Blickwinkel des linken Auges hole ich weit mit dem schweren Holzhammer aus. Bin ich es wirk-lich, oder spielt giftig grüner Wahnsinn mir einen Streich. Ich bin es. Ich beobachte mich, während weiterhin Honig aus meinem Mund auf dem Boden entlang, an des Direktors Hosenbein hinauf, den grauen Kittel hoch in seine abstehenden Ohren läuft. Das Geschenk der Bienen hinterläßt, eine gelb-liche Spur, auf der sofort weisser Schimmel sprießt. Zitternd lockt der Hammer meine Augen zu mir in die Ferne. Kalter Schweiß, der von meinen bu-schigen Augenbrauen nicht mehr gehalten werden kann, tropft in meine Augen. Es brennt. Die At-mung wird schneller. Erregt und gleichzeitig unendlich entspannt wippt der unsteuerbare Oberkörper hin und her. Die Atmung setzt aus und meine Linke umklammert den Meißel fester und sieht in die Augen des immer noch freundlich blickenden Direk-tors, der mit dem Meißel, angesetzt auf seine vor-deren Schneidezähne, etwas von versuchter Frei-heit brabbelt. Holz schlägt auf Holz. Alexander Krull: „All Right!“

Welcome to the flesh-venal scene
xxx, psychopaths
walking through the chamber-light
tonite ist miss directed-night

„Ich wünsche Ihnen das Beste und das Beste ist eine baldige Genesung und die damit folgende Ent-lassung, Herr Solmsen, sie haben das Zeug dazu, sie werden das Ganze packen und die Kurve krie-gen. Sie werden über ihren eigenen Schatten springen, und den Kanal durchschwimmen. Sie werden
das Licht am Ende des Tunnel in kurzer Zeit schon sehen und es auch erreichen.“

Der Sound ist weg und hinterläßt nur leere Fragen, die der Welten Antworten überlegen scheinen. Ich lächle gequält, er zwinkert, ich lächle gequält, er grinst und verschwindet. Ich hingegen bleibe stehen und lächle mich Schritt für Schritt hinein in eine tränenverhangene Dimension einfacher Menschen. Im Gehörgang nistet ein Satz in Stacheldraht: „You see there´s a thin line between genius and insanity!“

From dusk Massendusche... Massenfrühstück... Massengymnastik-Massenspastik... Spiele...Nachtruhe ´till dawn

Ein Sturzbach stinkenden Urins nähert sich mir. Über den gelben Fliesen nur von einem geschulten Kennerauge zu lokalisieren. Für mein Erachten geschickt weiche ich aus und rette mich unter einen anderen Duschkopf, der leider auch kein wärmeres Wasser für meinen ausgemer-gelten Leib übrig hat. „Wir werden bald einen neuen Direktor brauchen!“ Ein kleiner dicker Junge steht nackt und naß vor mir. „Was?“ entgegne ich und pule mir demonstrativ in meinem rechten Hörorgan. Er reibt sein linkes Auge: „Wie was? Hast du ein Problem?“ So ein Idiot, steht unter einer Massendusche in einer Psychiatrie und fragt seinen Nebenmann, ob er ein Problem hat. Bloß raus hier!

Ich weiss das der Chef gelogen hat, das hat er schon oft mit anderen gemacht, er will nur sehen wie sie reagieren. Ich reagiere nicht. Alles über sich ergehen lassen. Nietzsche: „ - Hiergegen hat der Kranke nur ein Heilmittel – ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus ohne Revolte, mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts überhaupt mehr annehmen, an sich nehmen, in sich hineinnehmen – überhaupt nicht mehr reagieren...“

Der Aufenthalts-raum! Ich konnte es beim ersten Betreten dieses Raumes einfach nicht glauben. Der Raum ist der eineiige Zwilling von „12 Monkey´s“ Aufenthaltsraum im Irrenhaus. Das ist bestimmt für die wahrlich Verwirrten nicht sonderlich gut. Ich finde es cool. Einem Monolog lauschen: „Das ist Nils. Und das ist der Papa von Nils. Der Papa vom Nils ist Straßenfeger. Und so ein Straßenfeger, der fegt die Straße. Und manchmal, da kommt das schon vor, das so ein Straßenfeger von einem Lastwagen überrollt wird. Ist aber nicht so schlimm, da kommt ein neuer Straßenfeger und macht alles wieder sauber.“ Achim hält sich schon wieder für Christoph von der „Sendung mit der Maus“, ein Lichtblick, das kann ein heiterer Nachmittag werden. Verrückte Menschen klatschen und lachen und Achim freut sich. Fast ein Bild von gesellschaftlich einordenbaren Menschen. Ich lache auch, ein schönes Gefühl. Man sollte mehr lachen. Der Nachmittag verbrennt. Der Abend verbrennt. Der Tag verbrannte. Ein Leben aufgefressen von glühenden Zähnen der unverständlichen Gesellschaft.
Sie fanden nach dem Massenfrühstück nur noch eine verkohlte Leiche in der Zelle 303 und konnten sich das Ganze einfach nicht erklären. Ausgerechnet heute war der Chef beim Zahnarzt.

ENDE
 

Nebiros

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Harte Erzählung...aber gefällt mir! Man kann sich so richtig in die Person rein versetzen!

Hast du das alles frei erfunden oder ist ein Teil davon aus dem Leben gegriffen?
 

Paradewohlstandskind

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Hallo Nebiros!

Erstmal danke für die Blumen. Die Geschichte selbst ist frei erfunden, doch spiegelt sie meinen damaligen Seelenzustand wieder.

Mich ärgert der Satz mit den Sicherheitsschuhen, da Sicherheitsschuhe was ganz anderes, ja sogar Gegenteiliges darstellen, als ich beschrieb. Das ist mir etwas peinlich.
 

Nebiros

Meister
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Naja, ehrlich gesagt ist mir das nicht mal so stark aufgefallen...weil ich mir nichts wirklich konkretes unter solchen Schuhen vorstellen konnte :wink:

Wir sollten zusammen mal 'ne Geschichte über etwas schreiben...
 

Paradewohlstandskind

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OK, Du fängst an zu schreiben und schickst es mir dann per pn! Ich bin gespannt, ob so etwas funktioniert.
 

Lara

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parade und wohlstand

als wirklich
deine texte haben power
gefällt mir
sowas lese ich gerne
das inspiriert
du hast sicher auch mal zuviele bio-chemisch-aktive substanzen
inkorporiert ....
oderwas ?

mach weiter so
make my day

lara
 
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